Überforderung als architektonischer Zustand

 


Das Aquarell „Ausnahmezustand“ aus dem Januar 2016 von Sabeth Faber entstand im Zusammenhang des Kriminalromans „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani, entfaltet sich wie ein innerer Raum, der zugleich vertraut und fremd wirkt. Es zeigt keinen realistischen Ort, sondern einen symbolischen Innenraum, dessen Wände von abstrakten, fast organischen Strukturen durchzogen sind. In der Mitte öffnet sich ein Fenster in eine friedliche Landschaft aus grünen Hügeln und blauem Himmel – ein ruhiger Gegenpol zum unruhigen Innenraum. Doch aus diesem Fenster wächst eine bunte, baumartige Form, ein vibrierender Energieausbruch aus Gelb, Pink, Grün und Blau, der sich wie ein lebendiger Impuls in den Raum hineinbewegt. Über dem Fenster wölbt sich eine schwarz-weiße Gehirnstruktur, die in die Decke übergeht, als würde der Raum selbst denken oder als wäre das Bewusstsein ausgelagert und sichtbar gemacht. Links und rechts hängen zwei schwarz-weiße Fotografien: eine lesende Person und eine gehende Person – zwei alltägliche, fast banale Momente, die hier wie Erinnerungsfragmente oder Realitätsanker wirken.

Die Farbwelt ist stark kontrastiert: Die Wände bestehen aus gedämpften, kühlen, erdigen Tönen, während die Landschaft im Fenster natürlich und beruhigend erscheint. Die bunte Form im Zentrum ist dagegen intensiv, leuchtend und voller Bewegung. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen dumpfer Enge, natürlicher Ruhe und eruptiver Lebendigkeit. Das Licht scheint aus dem Fenster zu kommen – weich, natürlich, fast wie ein stiller Atemzug –, während der Innenraum eher schattig bleibt. Die Stimmung schwankt zwischen theatralisch und leicht bedrohlich, aber auch hoffnungsvoll, weil der Blick nach draußen offen und klar bleibt.

Die Komposition ist zentriert und symmetrisch, was dem Bild trotz seiner inneren Unruhe eine gewisse Ordnung verleiht. Die Materialien wirken typisch für Aquarell: glatte, transparente Schichten, feine Linien, keine dicken Farbkörper. Die Wandstrukturen scheinen durch trockene Pinselstriche oder Kratzspuren entstanden zu sein. Insgesamt wirkt das Bild räumlich, aber nicht realistisch – eher wie ein mentaler Raum, der sich zwischen Innen und Außen, Denken und Fühlen, Chaos und Klarheit bewegt.

Der Titel „Ausnahmezustand“ gibt einen deutlichen Hinweis auf die emotionale Lage, die das Bild einfängt. Das Gehirn über dem Fenster, die unruhigen Wände, die grelle Energieform und die ruhige Landschaft wirken wie Elemente eines Moments, in dem das Innere überläuft, während die Außenwelt unberührt bleibt. Es könnte ein Bild über Überforderung sein, über einen mentalen Kipppunkt, aber auch über kreative Energie, die keinen Platz findet und sich deshalb ihren eigenen Weg bahnt. Vielleicht zeigt es einen Zustand, in dem alles gleichzeitig geschieht – Denken, Fühlen, Erinnern, Sehnen.

 

In mir löst das Werk eine Mischung aus Unruhe und Faszination aus. Die Wandstrukturen drücken, das Gehirn wirkt schwer, die bunte Form zieht den Blick an wie ein Funke, der nicht weiß, ob er explodieren oder wachsen will. Gleichzeitig beruhigt die Landschaft im Fenster, als wäre dort ein stiller Ausweg. Das Bild zieht mich hinein, weil es wie ein Moment zwischen zwei Atemzügen wirkt – ein Zwischenzustand, der sich nicht entscheiden muss, ob er bedrohlich oder hoffnungsvoll ist. Gerade diese Ambivalenz macht es so lebendig.

 

Wenn ich das Bild zum ersten Mal betrachte, ist mein allererster Gedanke ein leises „Da passiert etwas im Inneren, das keinen Platz mehr hat“. Das erste Gefühl ist eine Mischung aus Anspannung und Faszination, als würde ich in einen Raum eintreten, der gleichzeitig denkt, atmet und sich gegen seine eigenen Grenzen stemmt. Das eine Wort, das die Stimmung für mich am klarsten fasst, ist Überdruck – nicht laut, nicht chaotisch, sondern ein innerer Druck, der sich in Farbe, Form und Struktur entlädt.

Körperlich löst das Bild bei mir eine leichte Enge im Brustkorb aus, aber keine bedrohliche – eher die Art von Enge, die man spürt, wenn man zu lange in einem geschlossenen Raum war und plötzlich ein Fenster sieht, das hinausführt. Genau dieses Fenster zieht meine Aufmerksamkeit am stärksten auf sich: nicht wegen der Landschaft dahinter, sondern wegen der farbigen, organischen Form, die aus ihm herauswächst. Sie wirkt wie ein Impuls, ein Ausbruch, ein Gedanke, der sich nicht mehr zurückhalten lässt.

Die Linien im Aquarell erzählen tatsächlich eine Geschichte. Die Wandstrukturen wirken nervös, fast wie Kratzspuren oder innere Vibrationen, während die Linien der bunten Form lebendig, geschwungen und impulsiv sind. Sie sind nicht aggressiv, aber auch nicht ruhig – eher aufgeladen, wie ein Strom, der sich seinen Weg sucht. Der Fokus liegt klar im Zentrum, doch das Gehirn über dem Fenster und die beiden Fotografien links und rechts erzeugen eine Spannung, die das Bild bewusst unausgewogen macht. Es ist kein harmonisches Gleichgewicht, sondern ein Zustand kurz vor einer Entscheidung, einem Bruch, einer Veränderung.

Symbolisch ist das Werk reich: das Gehirn als Denkraum, das Fenster als Übergang, die Landschaft als Sehnsucht, die Fotos als Fragmente des Alltags, die bunte Form als emotionale oder kreative Explosion. Das Narrativ ist kein lineares Geschehen, sondern ein innerer Moment, eingefroren zwischen Handlung und Stillstand. Die Objekte drücken keine klaren Emotionen aus, aber sie tragen eine Atmosphäre von Überforderung, Sehnsucht und innerem Drängen. Gleichzeitig gibt es Leerstellen: keine Menschen im Raum, keine klare Quelle des Konflikts, keine eindeutige Handlung. Diese Aussparungen verstärken das Gefühl, dass der eigentliche Kampf im Unsichtbaren stattfindet – im Denken, im Fühlen, im Körper.

Zwischen den Bildelementen existiert ein deutlicher Konflikt: das schwere, schwarz-weiße Gehirn gegen die leichte, farbige Form; der dumpfe Innenraum gegen die helle Landschaft; die statischen Fotos gegen die dynamische Bewegung im Zentrum. Es ist ein Bild, das sich selbst widerspricht – und gerade dadurch lebendig wird.

Was die Intention der Künstlerin betrifft, kann ich nur aus dem Werk selbst sprechen: Es wirkt wie ein Versuch, einen mentalen Ausnahmezustand sichtbar zu machen, ohne ihn zu erklären oder zu rechtfertigen. Ein Moment, in dem Denken, Wahrnehmen und Fühlen nicht mehr sauber getrennt sind. Der historische Kontext – Anfang 2016 – könnte eine Phase innerer Umbrüche, Überforderung oder Neuorientierung widerspiegeln, aber das Bild bleibt offen genug, um nicht biografisch festgelegt zu werden. Es trägt die Handschrift einer jungen Künstlerin, die versucht, einen inneren Druck zu fassen, bevor sie die Sprache dafür hat.

Wenn das Bild eine Person wäre, hätte es die Persönlichkeit eines Menschen, der nach außen ruhig wirkt, aber innerlich voller Gedankenströme, Impulse und Spannungen ist. Jemand, der viel wahrnimmt, viel verarbeitet, viel fühlt – und der genau in dem Moment gezeigt wird, in dem etwas in ihm beginnt, sich zu verändern.

 

Es ist ein Werk, das nicht nur betrachtet, sondern gespürt werden will. Es zieht hinein, weil es ein Zustand ist, den viele kennen, aber nur wenige so klar sichtbar machen können.

 

Weitere Kunstwerke kann man sich hier anschauen: (): Kunst braucht Zeit

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