Ruhe vor dem Erwachen

 


Das Aquarell „Der schlafende Mond“ von Sabeth Faber, entstanden im Frühsommer 2012 als Auftakt ihres Zyklus „Veränderung“, entfaltet eine vielschichtige, symbolisch aufgeladene Bildwelt, die sowohl introspektiv als auch naturverbunden wirkt. Im Zentrum steht ein horizontal ausladender Baum mit fließenden, wurzelartigen Ästen – ein archetypisches Symbol für Leben, Wachstum und Verbindung. In einer seiner Astgabeln ruht ein grüner Apfel, in dessen Innerem sich eine rot gefärbte, menschliche Figur in Embryonalhaltung befindet. Diese Darstellung evoziert Gedanken an Geburt, Rückzug, Selbstschutz und vielleicht auch an eine Phase der inneren Neuorientierung. Die Wahl der Farben – das kräftige Rot der Figur im Kontrast zum beruhigenden Grün des Apfels – lässt auf eine Spannung zwischen innerer Lebendigkeit und äußerer Ruhe schließen.

Links unten taucht ein gelber Fisch aus den Wurzeln des Baumes auf, begleitet von kleineren rosa Fischen und einer weißen Muschel, alles eingebettet in ein tiefblaues Wasser. Diese Szene wirkt wie ein Unterbewusstseinsraum, ein Traumsegment, das auf emotionale Tiefe und intuitive Prozesse verweist. Darüber schwebt eine gelbe Sonne mit einem ruhenden Gesichtsausdruck – der „schlafende Mond“ scheint sich hier als Sonne zu zeigen, was auf eine Umkehrung oder Verschmelzung von Gegensätzen hindeutet: Tag und Nacht, Bewusstsein und Traum, Aktivität und Ruhe.

Im Hintergrund sitzt ein grüner Frosch auf einer kleinen Insel, umgeben von Wasser und einem goldenen Lichtspiel, das an Sonnenaufgang oder -untergang erinnert. Der Frosch, oft Symbol für Transformation und Übergang, verstärkt die thematische Linie des Wandels. Die Farbpalette – dominiert von Blau, Grün, Gelb und Rosa – wirkt zugleich beruhigend und surreal. Sie deutet auf eine emotionale Verfassung hin, die zwischen Melancholie, Hoffnung und kontemplativer Tiefe oszilliert.

 

Aus dem Bild lassen sich Rückschlüsse auf Sabeth Fabers psychische und emotionale Verfassung ziehen: Es scheint, als habe sie sich in einer Phase der inneren Einkehr befunden, möglicherweise ausgelöst durch persönliche Umbrüche oder einen Wunsch nach Erneuerung. Die Komposition wirkt nicht düster, sondern eher träumerisch und suchend – ein Versuch, sich selbst neu zu verorten. Die Wahl des Aquarells als Medium unterstreicht diese Stimmung: Die fließenden Übergänge, die Transparenz der Farben und die sanfte Textur sprechen für eine sensible, durchlässige Wahrnehmung der Welt.

Stilistisch zeigt sich eine Nähe zum Symbolismus und zur surrealen Traumlogik, vielleicht auch beeinflusst von Künstlern wie Marc Chagall oder Paul Klee, die ebenfalls mit poetischen Bildräumen arbeiteten. Die Motive – Baum, Fisch, Frosch, Sonne, Embryo – sind archetypisch und sprechen eine universelle Sprache, die sich mit Themen wie Geburt, Wandel, Naturverbundenheit und innerer Reise auseinandersetzt. Die Künstlerin scheint in einem Zustand der Transformation gewesen zu sein, getragen von einer stillen Hoffnung und einem tiefen Bedürfnis nach Selbstvergewisserung.

 

Insgesamt zeigt das Bild eine zarte, aber kraftvolle Auseinandersetzung mit dem Thema Veränderung. Es ist kein lauter Aufbruch, sondern ein leises Erwachen – ein schlafender Mond, der träumt von dem, was kommen mag.

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