Die Mitte ist ein Anfang
Das vierte Aquarell „Rad des
Lebens“ aus dem Zyklus „Veränderung“ von Sabeth Faber strahlt eine vibrierende,
fast pulsierende Lebendigkeit aus. Im Zentrum steht eine rosa Blüte, deren Herz
von einer spiralförmigen Muschel durchzogen ist – ein Symbol, das sowohl für
Rückzug als auch für inneres Wachstum und zyklische Bewegung stehen kann. Die
Muschel im Zentrum verweist auf das Prinzip der Wiederkehr, der inneren Ordnung
und des Schutzes, während die Blüte als archetypisches Zeichen für Entfaltung,
Leben und Vergänglichkeit gelesen werden kann. Umgeben ist dieses Zentrum von
grünen Blättern und gelben, trompetenartigen Blüten, die wie kleine Rufe oder
Signale wirken – als ob die Natur selbst eine Botschaft aussendet.
Die Komposition wird von einem dynamischen
Hintergrund getragen: blau-weiße Streifen strahlen wie Sonnenstrahlen oder
Wellenbewegungen vom Zentrum aus und erzeugen eine rhythmische, fast
hypnotische Wirkung. Diese Strahlenstruktur erinnert an Mandalas oder kosmische
Diagramme, die in vielen spirituellen Traditionen als Ausdruck des Universums
und der inneren Ordnung gelten. Die Wahl der Farben – Rosa, Gelb, Grün, Blau
und Weiß – ist auffallend harmonisch und zugleich kontrastreich. Rosa steht für
Zärtlichkeit und Selbstliebe, Gelb für geistige Klarheit und Lebenskraft, Grün
für Heilung und Wachstum, Blau für Tiefe und Ruhe, Weiß für Offenheit und
Transzendenz. Die Farbwahl legt nahe, dass Sabeth Faber sich in einer Phase der
inneren Klärung und Neuorientierung befand, getragen von Hoffnung und einem
tiefen Bedürfnis nach Balance.
Stilistisch
bewegt sich das Werk zwischen symbolischem Realismus und abstrakter Ornamentik.
Die Formen sind klar und organisch, aber nicht naturalistisch – sie sind
stilisiert, fast emblematisch. Die Komposition wirkt durchdacht, aber nicht
starr; sie lebt von Bewegung, Wiederholung und einem feinen Gleichgewicht
zwischen Chaos und Ordnung. Es lassen sich Einflüsse aus der Naturmystik, aus
spirituellen Bildtraditionen und vielleicht auch aus der Kunsttherapie erkennen
– das Bild scheint weniger für ein Publikum als für die eigene seelische
Verarbeitung geschaffen worden zu sein.
Was die
psychische Verfassung der Künstlerin betrifft, so spricht das Bild von einem
Zustand der Transformation. Es ist kein Ausdruck von Schmerz oder Dunkelheit,
sondern von Durchlässigkeit, von einem tastenden, aber entschlossenen Schritt
in eine neue Phase. Die Künstlerin scheint sich mit dem Thema der zyklischen
Veränderung auseinanderzusetzen – mit dem Kommen und Gehen, mit Wachstum und
Rückzug, mit der Frage nach dem eigenen inneren Zentrum. Die Muschel im Herzen
der Blüte könnte als Hinweis auf Selbstschutz und Verletzlichkeit gelesen
werden, aber auch als Zeichen für die Bereitschaft, sich zu öffnen und zu
entfalten.
Sabeth
Faber wirkt in diesem Werk wie eine Suchende, die sich nicht in der
Vergangenheit verliert, sondern die Bewegung des Lebens annimmt. Die Muster –
Spirale, Strahlen, Blüten – sind archetypisch und universell, aber zugleich
sehr persönlich. Sie sprechen von einem tiefen Vertrauen in die Kraft der Natur
und in die eigene Fähigkeit zur Erneuerung. Die Künstlerin lebt offenbar in
einem Umfeld, das ihr Raum für Reflexion und künstlerische Verarbeitung bietet
– vielleicht nicht frei von Herausforderungen, aber getragen von einem inneren
Kompass, der sie durch die Veränderung führt.
Insgesamt zeigt „Rad des
Lebens“ eine Künstlerin, die sich in einer Phase der seelischen Integration
befindet: offen, verletzlich, aber auch kraftvoll und klar. Es ist ein Bild der
Hoffnung, der Selbstvergewisserung und der poetischen Ordnung – ein visuelles
Mantra für den Wandel.


