Fenster aus Wärme
Der Titel verweist klar auf
die reale Abtei, aber im Bild selbst wird sie zu einem Symbol: für Ankommen,
für Sammlung, für ein inneres Heim. Es wirkt, als wollte Sabeth Faber nicht nur
zeigen, wie Marienstatt aussieht, sondern wie es sich für sie anfühlt — ein
Ort, der sie beruhigt, ordnet, zentriert. Beim Betrachten entsteht ein Gefühl
von Ruhe und Wärme, ein sanftes Innehalten. Das Bild zieht einen hinein, aber
nicht durch Spannung, sondern durch seine stille Klarheit, durch dieses innere
Leuchten, das wie ein stiller Atemzug wirkt.
Wenn man die Grafik „Abtei
Marienstatt“ betrachtet, kommt einem als allererster Gedanke ein leises Ankommen.
Das erste Gefühl ist eine Mischung aus Wärme und Sammlung, als würde etwas in einem
kurz still werden. Wenn man die Stimmung in nur einem Wort fassen müsste, wäre
es „Geborgenheit“. Körperlich löst das Bild eher ein Gefühl von Weite und Wärme
aus, ein sanftes Öffnen im Brustraum, weil das leuchtende Fenster wie ein
inneres Feuer wirkt, das nicht blendet, sondern einlädt.
Am
stärksten zieht einem die Aufmerksamkeit das strahlende Fenster an. Es ist der
emotionale Kern des Bildes, der Punkt, an dem alles zusammenläuft. Die Linien
der Architektur erzählen eine Geschichte von Ordnung und Ruhe: klare
Vertikalen, stabile Symmetrie, keine Hast, keine Aggression. Sie wirken wie ein
ruhiger Atemzug, der sich hebt und senkt, ohne je aus dem Gleichgewicht zu
geraten. Der Fokus liegt eindeutig in der Mitte, dort, wo Weg, Portal und
Fenster sich treffen. Dadurch wirkt das Bild insgesamt ausgewogen, fast
meditativ, als hätte jede Form ihren Platz gefunden.
Symbolisch
ist vieles erkennbar: der Turm als Verbindung zwischen Erde und Himmel, das
Fenster als inneres Licht, die Bäume als schützender Rahmen, der Weg als
Einladung, eine Schwelle zu überschreiten. Das Narrativ ist kein dramatisches
Geschehen, sondern ein Stillstand voller Bedeutung — ein Moment des
Innehaltens, der eher eine innere Bewegung auslöst als eine äußere Handlung.
Die Objekte selbst drücken Ruhe, Sammlung und eine stille Feierlichkeit aus.
Gleichzeitig gibt es Leerstellen: keine Menschen, keine Bewegung, keine Wolken,
keine Ablenkung. Diese Aussparungen lassen Raum für die eigene Projektion, für
das, was man selbst in diesen Ort hineinlegt.
Versteckte
Konflikte oder Spannungen gibt es kaum; wenn überhaupt, dann die leise Spannung
zwischen der strengen Symmetrie der Architektur und der organischen Weichheit
der Bäume. Doch selbst diese wirkt eher wie ein Dialog als ein Konflikt — Natur
und Geist, Wachstum und Ordnung, Erde und Transzendenz.
Was die Intention der
Künstlerin betrifft, lässt sich aus dem Bild selbst eine Sehnsucht nach Ruhe,
Orientierung und innerer Klarheit lesen. Die Entstehungszeit — November 2021 —
trägt ihren eigenen psychologischen Kontext: eine Phase, in der viele Menschen
nach Halt, Struktur und Orten der Sammlung suchten. Auch deine biografische
Verbindung zu Marienstatt, die wiederholten Besuche der Künstlerin, ihr
Bedürfnis nach Orten, die sie tragen, könnten in diese Darstellung eingeflossen
sein. Das Bild wirkt wie eine Verdichtung eines persönlichen Zufluchtsortes,
nicht wie eine bloße Abbildung.
Wenn das Bild eine Person
wäre, hätte es die Persönlichkeit eines stillen, verlässlichen Begleiters:
jemand, der nicht viel spricht, aber durch seine bloße Präsenz beruhigt.
Jemand, der Türen nicht aufreißt, sondern offen stehen lässt. Eine Figur, die
Klarheit ausstrahlt, ohne Strenge, und Wärme ohne Sentimentalität. Eine
Persönlichkeit, die sagt: „Du kannst hier sein. Du musst nichts beweisen.“
So kann die Grafik auf einen
wirken — wie ein Ort, der nicht nur dargestellt, sondern innerlich bewohnt
wird.
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anschauen: (₪): Kunstbraucht Zeit

