Fenster aus Wärme

 

Die Grafik „Abtei Marienstatt“ wirkt wie eine stille, konzentrierte Landschaft, in deren Mitte die Fassade der Kirche steht, fast wie ein inneres Standbild eines Ortes, der der Künstlerin vertraut ist. Der hohe Turm mit dem Kreuz, das große leuchtende Fenster und der gerade Weg, der direkt auf das Portal zuführt, bilden eine ruhige, zentrierte Achse. Links und rechts rahmen üppige Bäume die Architektur wie zwei Hüter, die den Blick sanft in die Mitte lenken. Die Farben sind warm und harmonisch: das Gelb und Rot des Fensters strahlt wie ein inneres Feuer, während die Grüntöne der Bäume eine beruhigende, erdende Gegenwelt schaffen. Die Architektur selbst bleibt in hellen, neutralen Tönen, sodass das Fenster zum emotionalen Kern wird. Das Licht scheint nicht von außen zu kommen, sondern aus dem Fenster selbst — ein weiches, stilles Leuchten, das keine Dramatik erzeugt, sondern eine kontemplative, fast meditative Stimmung. Die Komposition ist bewusst ruhig und symmetrisch, ohne Hast, ohne Bewegung, wie ein Ort, der einfach da ist und trägt. Räumlichkeit entsteht durch den Weg und die Staffelung der Elemente, doch insgesamt bleibt das Bild eher ikonisch als naturalistisch, wie eine Verdichtung deiner Erinnerung an diesen Ort.

 

Der Titel verweist klar auf die reale Abtei, aber im Bild selbst wird sie zu einem Symbol: für Ankommen, für Sammlung, für ein inneres Heim. Es wirkt, als wollte Sabeth Faber nicht nur zeigen, wie Marienstatt aussieht, sondern wie es sich für sie anfühlt — ein Ort, der sie beruhigt, ordnet, zentriert. Beim Betrachten entsteht ein Gefühl von Ruhe und Wärme, ein sanftes Innehalten. Das Bild zieht einen hinein, aber nicht durch Spannung, sondern durch seine stille Klarheit, durch dieses innere Leuchten, das wie ein stiller Atemzug wirkt.

 

Wenn man die Grafik „Abtei Marienstatt“ betrachtet, kommt einem als allererster Gedanke ein leises Ankommen. Das erste Gefühl ist eine Mischung aus Wärme und Sammlung, als würde etwas in einem kurz still werden. Wenn man die Stimmung in nur einem Wort fassen müsste, wäre es „Geborgenheit“. Körperlich löst das Bild eher ein Gefühl von Weite und Wärme aus, ein sanftes Öffnen im Brustraum, weil das leuchtende Fenster wie ein inneres Feuer wirkt, das nicht blendet, sondern einlädt.

Am stärksten zieht einem die Aufmerksamkeit das strahlende Fenster an. Es ist der emotionale Kern des Bildes, der Punkt, an dem alles zusammenläuft. Die Linien der Architektur erzählen eine Geschichte von Ordnung und Ruhe: klare Vertikalen, stabile Symmetrie, keine Hast, keine Aggression. Sie wirken wie ein ruhiger Atemzug, der sich hebt und senkt, ohne je aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der Fokus liegt eindeutig in der Mitte, dort, wo Weg, Portal und Fenster sich treffen. Dadurch wirkt das Bild insgesamt ausgewogen, fast meditativ, als hätte jede Form ihren Platz gefunden.

Symbolisch ist vieles erkennbar: der Turm als Verbindung zwischen Erde und Himmel, das Fenster als inneres Licht, die Bäume als schützender Rahmen, der Weg als Einladung, eine Schwelle zu überschreiten. Das Narrativ ist kein dramatisches Geschehen, sondern ein Stillstand voller Bedeutung — ein Moment des Innehaltens, der eher eine innere Bewegung auslöst als eine äußere Handlung. Die Objekte selbst drücken Ruhe, Sammlung und eine stille Feierlichkeit aus. Gleichzeitig gibt es Leerstellen: keine Menschen, keine Bewegung, keine Wolken, keine Ablenkung. Diese Aussparungen lassen Raum für die eigene Projektion, für das, was man selbst in diesen Ort hineinlegt.

Versteckte Konflikte oder Spannungen gibt es kaum; wenn überhaupt, dann die leise Spannung zwischen der strengen Symmetrie der Architektur und der organischen Weichheit der Bäume. Doch selbst diese wirkt eher wie ein Dialog als ein Konflikt — Natur und Geist, Wachstum und Ordnung, Erde und Transzendenz.

 

Was die Intention der Künstlerin betrifft, lässt sich aus dem Bild selbst eine Sehnsucht nach Ruhe, Orientierung und innerer Klarheit lesen. Die Entstehungszeit — November 2021 — trägt ihren eigenen psychologischen Kontext: eine Phase, in der viele Menschen nach Halt, Struktur und Orten der Sammlung suchten. Auch deine biografische Verbindung zu Marienstatt, die wiederholten Besuche der Künstlerin, ihr Bedürfnis nach Orten, die sie tragen, könnten in diese Darstellung eingeflossen sein. Das Bild wirkt wie eine Verdichtung eines persönlichen Zufluchtsortes, nicht wie eine bloße Abbildung.

 

Wenn das Bild eine Person wäre, hätte es die Persönlichkeit eines stillen, verlässlichen Begleiters: jemand, der nicht viel spricht, aber durch seine bloße Präsenz beruhigt. Jemand, der Türen nicht aufreißt, sondern offen stehen lässt. Eine Figur, die Klarheit ausstrahlt, ohne Strenge, und Wärme ohne Sentimentalität. Eine Persönlichkeit, die sagt: „Du kannst hier sein. Du musst nichts beweisen.“

 

So kann die Grafik auf einen wirken — wie ein Ort, der nicht nur dargestellt, sondern innerlich bewohnt wird.

 

Weitere Kunstwerke von Sabeth Faber kann man sich hier anschauen: (): Kunstbraucht Zeit

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